fbpx

Hexenverfolgung oder Frauenhass?

Systematische Hexenverfolgung in Europa führte zu mehr als 70.000 Todesopfern in der Frühen Neuzeit. Davon waren 70 bis 80 Prozent unschuldige Frauen.

Systematische Hexenverfolgung in Europa führte zu mehr als 70.000 Todesopfern in der Frühen Neuzeit. Davon waren 70 bis 80 Prozent unschuldige Frauen.


Galten sie als leichte Opfer oder war eine auf Frauenhass beruhende Kampagne der organisierten Kirchen der Grund?

Der Glaube an Zauberei oder Hexerei war in Europa seit der früheren Geschichte verbreitet. Im Römischen Reich (aufgezeichnet beispielsweise im Anfang des 6. Jahrhunderts n. Chr. entstandenen Rechtstext Lex Salica) standen Schadenszauber unter Strafe. Dieser Glaube führte aber damals nicht zu Verfolgungswellen. Die Grundlage für eine systematische Verfolgung von Hexerei legte die Kirche insbesondere unter der Führung von Papst Innozenz VII. im 15. Jahrhundert. Zu den Anfangszeiten des Christentums im 4. Jahrhundert n. Chr. zweifelten Gelehrte wie Augustinus von Hippo daran, dass Zauberei der anderen Religionen wirke. Sie bestritten deren Wirksamkeit, um sich vom Heidentum abzugrenzen.

Im Mittelalter entwickelte der Dominikaner Thomas von Aquin in seinen Werken ein die Kirche prägendes Bild der Hexerei: Es konzentrierte sich auf Frauen, die Schaden anrichteten und mit dem Teufel verbündet seien. Seine Lehren beeinflussten das Denken vieler kommender Priester und Prediger. Mit dem Aufkommen von aus der Perspektive der Kirche ketzerischen Strömungen wurden Hexen (Frauen, die sich der Übermacht der Kirche widersetzten) zu einem wichtigen Thema. Man darf nicht übersehen, dass diese Frauen Geld für deren Methoden verlangten – Geld, das nicht in die Kirchenkassen wanderte.

Den theoretischen Grundstein für die Hexenverfolgungen legte der Dominikaner und Inquisitor Heinrich Kramer mit seinem Malleus maleficarum oder Hexenhammer. 1487 veröffentlicht, beschrieb es Verbrechen von Hexen und wie Prozesse gegen sie zu führen waren. Der Keim für „gerechtfertigte“ Hexenjagden war gelegt und stammte aus angeblich heiligen Händen. Für ein vollständiges Bild sei angemerkt: Viele Kirchengelehrte lehnten den „Hexenhammer“ und das Verfolgen oder Verbrennen von Hexen ab.

Die Kirche als Brandstifter der Hexenverfolgung

Einen Großteil der Hexenprozesse führten von Gläubigen geleitete weltliche Gerichte durch. Die hetzerischeren Predigten und das Bild von Frauen, die sich mit dem Teufel verbündeten, stammten von Personen, die den Glauben zu ihrem eigenen Zweck missbrauchten.

Thomas von Aquin oder Heinrich Kramer betrachteten in ihren Werken Frauen gemäß der biblischen Genesis als dem Mann untergeordnet. Sie galten als schwächer und anfälliger für die Einflüsterungen des Teufels (wie Äpfel essen, damals gab es kein Eis oder Pommes). Ihr Denken entsprach dem Bild der Kirche: Selbstständige, gebildete oder gar widersprechende Frauen standen unter Verdacht, nicht den kirchlichen Glaubenssätzen zu folgen. Hebammen und Heilerinnen beispielsweise mit scheinbar übernatürlichem Wissen waren eine Konkurrenz für die Kirchenlehren und den ansässigen „Ärzten“. Sie zahlten meistens keine Steuer, daher unterstützen auch die Herrscher gerne die Kirche.

Im Protestantismus kam durch Luthers und seiner Frau Katharina von Boras Glaube an Hexen ein weiterer frauenfeindlicher Aspekt hinzu. Auch wenn er zu den Hochzeiten der Hexenverfolgungen in Deutschland nicht mehr lebte, wirkten seine Predigten und Lehren nach. So hatte er häufiger gefordert, Hexen nicht leben zu lassen. Diese Äußerungen legten einen Keim, um eher Frauen als Männer mit Hexerei zu verbinden.

Frauen als Feindbild?

Warum es hauptsächlich Frauen traf, hat nicht nur mit dem damals verbreiteten Frauenbild zu tun. Es lag daran, dass sie wirtschaftlich schwächer und angreifbarer waren. So lässt sich beispielsweise feststellen, dass Männer eher eine Chance hatten, bei Hexenprozessen zu überleben. Ihnen fiel es leichter, auf Geld oder Beziehungen zurückzugreifen.

Finanziell gut aufgestellte Frauen hatten ein höheres Risiko für eine Anklage als Männer, da sich so Herrscher und Kirche ihr Eigentum aneignen konnten. Denunziation war das bestimmende Element vieler Hexenprozesse: Alle, die in ihrem Verhalten aus der Norm fielen, mussten befürchten, auf einen missgünstigen Nachbarn oder Verwandten zu treffen.

Frauenhass, gleichwohl von Männern wie anderen Frauen, war eine Komponente der Hexenverfolgungen, aber nicht die Bestimmende. Die regionalen Höhepunkte von Hexenprozessen lassen sich auf Katastrophen wie den Dreißigjährigen Krieg, Unwetter oder Missernten zurückführen.

Gleiches gilt für Homosexuelle, aber diese waren nicht besonders sichtbar. Es ist nicht lange her, da erlebte ich Anfang der 1980er-Jahre selbst, wie die Vertreter des Glaubens aus einer Pandemie Nutzen zogen.

In Deutschland konzentrierten sich die Prozesse und Verfolgungen in Städten. In anderen Ländern wie Polen fanden Hexenverfolgungen vor allem in ländlichen

Regionen statt. Der Umstand, dass in den deutschen Städten so viele Prozesse abliefen, zeigt, dass allein Frauenhass keine Erklärung ist. Vielmehr standen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund wie Machtkämpfe zwischen den Eliten oder der zu spendable Adel. Je stabiler die politische Lage wurde, desto weniger Hexenprozesse gab es.

Von wegen Hexenverfolgung nur im Mittelalter

Auch wenn die Hexenverfolgungen in Europa endeten, die Debatte ist noch lange nicht abgeschlossen.

Vereinzelte Gruppen beschäftigen sich mit verschiedenen Fragen des Gedenkens und der Wiedergutmachung an den Opfern. Wie ist der Opfer zu gedenken und was lässt sich aus diesen Verfolgungen lernen?

Papst Franziskus hat sich erst im Jahr 2016 für die kirchliche Mitwirkung an den Hexenverfolgungen entschuldigt.

Doch bei der Rehabilitation und dem Gedenken sieht es mager aus. Mahnmale gibt es in Deutschland wenige. Das Thema Hexenverfolgung hat in der Öffentlichkeit eher einen morbiden Unterhaltungswert. Mich beschäftigt die Frage, wie es sich vermeiden lässt, aus dem Leiden dieser Menschen Profit zu schlagen. Der Hexentourismus ist weiterhin eine Einnahmequelle sogar für die Kirche selbst.

Beispielsweise gibt es vom letzten urkundlich nachgewiesenen Opfer in München, Therese Kaiser, eine neckische Spukgeschichte, aber kein Mahnmal. Der Überlieferung nach denunzierte ihr Verehrer sie, den sie zurückgewiesen hatte. Ihre Unschuld scheint außer Frage zu stehen.

Wo ist ihr Denkmal oder ihre Rehabilitation?

Immerhin starb sie durch Hinrichtung als letzte Hexe in München im September 1701 zur Zeit des „Blauen Kurfürsten“ Maximilian II. Emmanuel. Übrigens, wir besuchen seine Räume in meine Residenzführung.

Das Thema ist nicht abgeschlossen, weil es weiterhin Hexenverfolgungen in Ländern wie Ghana oder Malawi gibt. Die Vereinten Nationen veröffentlichten eine Resolution, die Hexenverfolgungen als Verstoß gegen die Menschenrechte verurteilt. Die Gründe für die Verfolgung, Folterung oder Tötung von angeblichen Hexen sind auch heute Notlagen, Gier und mangelnde Bildung. Es trifft vor allem arme Menschen, die durch Behinderungen, Aussehen oder Verhalten von der angeblichen Norm abweichen (Drag Queens in Florida gehören seit neulich dazu). Umso wichtiger ist es, sich gegen Hass an wer auch immer und Aberglauben und für Menschenrechte und Bildung einzusetzen.